1. Einleitung: Was ist eine Leistungsbeschreibung und warum ist sie so wichtig?
Die Leistungsbeschreibung ist ein zentrales Dokument in jedem Bauprojekt, doch ihre Definition ist komplex und vielschichtig. Weder im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) noch in der Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB) findet sich eine Legaldefinition des Begriffs „Leistungsbeschreibung". Obwohl § 7 VOB/A zwischen einer Leistungsbeschreibung mit Leistungsverzeichnis (LV) und einer Leistungsbeschreibung mit Leistungsprogramm differenziert und mögliche Bestandteile auflistet, wird der Begriff in der baurechtlichen Literatur mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen belegt.
1.1 Definitionen und Interpretationen
Die unterschiedlichen Auffassungen zur Leistungsbeschreibung lassen sich anhand verschiedener Zitate verdeutlichen:
Die Leistungsbeschreibung ist ein wesentlicher Bestandteil der sogenannten „Vergabeunterlagen", die auch als „Verdingungsunterlagen" bezeichnet werden und synonym zu verstehen sind. Einige wichtige Hinweise und Bestimmungen zur Leistungsbeschreibung sind in der VOB/A formuliert, wobei insbesondere § 2 VOB/A von entscheidender Bedeutung ist, in der Praxis jedoch oft zu wenig beachtet wird.
1.2 Wer erstellt die Leistungsbeschreibung?
Öffentliche Auftraggeber (AG) erstellen die Leistungsbeschreibung in der Regel selbst oder lassen sie von einem beauftragten Architekten oder Fachplaner erstellen. Private und kommerzielle AG, die nicht an die VOB/A gebunden sind, haben hier mehr Flexibilität. Sie können auch Hersteller von Bauprodukten, Bewerber oder spätere Auftragnehmer (AN) bei der Erstellung hinzuziehen, ohne Rücksicht auf eine mögliche Vorbefasstheit (Projektantenstatus) nehmen zu müssen.
2. Methodik und Systematik von Leistungsbeschreibungen: Der Schlüssel zum Erfolg
Der Erfolg einer Ausschreibung hängt maßgeblich von einer systematischen, d.h. strukturierten und logisch nachvollziehbaren Leistungsbeschreibung ab, die neben der planerischen Vorbereitung der Bauaufgabe eine entscheidende Rolle spielt.
2.1 Form der Leistungsbeschreibung
Mündliche Beschreibungen der Leistung bergen ein hohes Risiko von Missverständnissen zwischen AG und AN und finden im Bauwesen nur selten Anwendung. Auch wenn bei kleineren Bauarbeiten zuweilen „auf Zuruf" der Leistungsinhalt bestimmt wird, sind ohne ergänzende Planzeichnungen und Erläuterungen Streitigkeiten vorprogrammiert. Aus diesem Grund hat sich die schriftliche und zeichnerische Darstellung der Bauleistung (schon allein aus Beweisgründen) durchgesetzt.
2.2 Systematische Schritte zur Erstellung
Systematisch ist bei der Erstellung einer Leistungsbeschreibung in folgenden Schritten vorzugehen:
2.3 Wichtige Hinweise für die Bearbeitung
Bei der Bearbeitung der Leistungsbeschreibung sind folgende Punkte zu beachten:
2.4 Orientierung an den W-Fragen
Um eine umfassende und präzise Leistungsbeschreibung zu gewährleisten, ist es hilfreich, sich an den sogenannten W-Fragen zu orientieren. Diese Fragen helfen dabei, alle relevanten Aspekte einer Leistungsposition zu beleuchten und verständlich zu formulieren. Ein Beispiel für die Anwendung dieser W-Fragen bei einem Fassadenelement könnte wie folgt aussehen:
| W-Frage | Stichwort | Leistungsbeschreibung (Beispiel Fassadenelement Neubau Altenheim) |
|---|---|---|
| Was | Materialart und -güte | Holzart Fichte |
| Abmessung und Aufteilung | 6,01 x 2,90 m (Rohbauöffnung); Aufteilung, Abmessung und Aufteilung Öffnungsflügel gemäß beiliegender Übersichtszeichnung | |
| Rahmenquerschnitte | Bemessung nach Empfehlungen des Instituts für Fenstertechnik Rosenheim e.V. | |
| Aufbau von Brüstungselementen | Paneel Typ P 3, siehe Beschrieb in beiliegenden ZTV | |
| Anschlüsse zum Baukörper | Siehe beiliegende Details, unterer Anschluss nach DIN 18025 Barrierefreie Wohnungen, Teil 1 | |
| Öffnungsarten | Typ B1 bzw. B2, Beschrieb in beiliegenden ZTV | |
| Fensterolive | Siehe Beschrieb ZTV | |
| Wetterschutzschiene | Alu natur eloxiert, Stärke 3 mm, mehrfach gekantet, siehe auch Detailplan D 1 | |
| Dichtung | Mitteldichtung im Flügelrahmen mit Dichtprofilen | |
| Glasart und -dicke | Typ G 4 bzw. G 5, Beschrieb in beiliegenden ZTV | |
| Glashalteleisten | Geschraubt, Abmessung siehe Detail, Holzart siehe Fenster | |
| Beschichtung | Deckender Anstrich, Mindesttrockenschichtdicke > 100 µm, Anstrichgruppe B | |
| Blendrahmen | Innen und außen weiß RAL 9010 | |
| Fugenausbildung | Fugenausbildung und Fugendämmung: PU-Ortschaum | |
| Sonnenschutz | Außen liegender Sonnenschutz (Aluraffjalousien), siehe separate LV-Position und Detail D 18, am Blendrahmen befestigt | |
| Wozu | Funktion | Raumabschluss Patientenzimmer |
| U-Wert | Siehe Beschrieb in beiliegenden ZTV | |
| Schlagregendichtheit | Nach DIN EN 12208 ungeschützt Klasse 3A | |
| Schallschutz | Nach DIN 4109 maßgeblicher Außenlärmpegel ... dB | |
| Wo | Einbauort | Drittes OG, Achse C/12 Südfassade, Windlastzone 1, Einbauhöhe ca. 8m |
| Wann | Termin | Siehe beigefügter Terminplan |
| Wieviel | Anzahl | 3 |
| Abrechnungseinheit | Stück | |
| Wer | Schnittstellen | Schnittstelle zu Flachdachabdichtung, siehe Detail D 9 |
| Erstellt auf der Grundlage der „ift-Ausschreibungshilfe zur Erstellung von LV für Fenster und Außentüren“, Juli 2009, Institut für Fenstertechnik e.V., Rosenheim (ift-Rosenheim), www.ift-rosenheim.de. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit. | ||
Diese beispielhafte Darstellung zeigt, wie detailliert eine Leistungsposition beschrieben werden kann, um Missverständnisse zu vermeiden und eine präzise Kalkulation zu ermöglichen.
3. Die Leistungsbeschreibung mit Leistungsverzeichnis (LV): Der Regelfall
Die Leistungsbeschreibung mit Leistungsverzeichnis (LV) stellt den Regelfall der Ausschreibung dar. Sie ist für Bauunternehmen aufgrund der in den Positionen detailliert beschriebenen Teilleistungen sowie der Vorgabe klarer Mengen und Abrechnungseinheiten zuverlässig kalkulierbar.
3.1 Grundlagen nach § 7b VOB/A
Die VOB/A gibt klare Richtlinien für die Erstellung einer Leistungsbeschreibung mit LV vor:
3.2 Bestandteile einer Leistungsbeschreibung nach VOB
Die Leistungsbeschreibung nach VOB besteht aus mehreren Komponenten, die in einem Vorspann und den eigentlichen Leistungsbeschreibungen gegliedert sind.
3.2.1 Der Vorspann
Der Vorspann umfasst alle Dokumente, die den Rahmen für das Angebot und den späteren Vertrag bilden:
3.2.2 Das Leistungsverzeichnis
Das eigentliche Leistungsverzeichnis gliedert die Bauleistung in kalkulierbare Einheiten:
3.3 Hierarchieebenen bei der LV-Erstellung
Für eine systematische Gliederung des Leistungsverzeichnisses ist es hilfreich, eine klare Hierarchie zu verwenden. Die folgende Tabelle zeigt typische Hierarchieebenen bei der LV-Erstellung:
| Hierarchieebenen | Bezeichnung |
|---|---|
| Ebene 1 | Los / Teillos |
| Ebene 2 | Fachlos (z.B. Rohbau, Ausbau, TGA) |
| Ebene 3 | LV-Titel / Gewerk (z.B. Mauerarbeiten, Putzarbeiten) |
| Ebene 4 | Leistungsbereich (z.B. Außenwände, Innenwände) |
| Ebene 5 | Position / Teilleistung (einzelne kalkulierbare Leistung) |
Diese hierarchische Struktur ermöglicht eine übersichtliche Gliederung auch bei komplexen Bauvorhaben und erleichtert sowohl die Kalkulation als auch die spätere Abrechnung der Bauleistungen.
4. Die Leistungsbeschreibung mit Leistungsprogramm (Funktionale Leistungsbeschreibung): Der Ausnahmefall
Im Gegensatz zur Leistungsbeschreibung mit Leistungsverzeichnis (LV) verzichtet die Leistungsbeschreibung mit Leistungsprogramm in der Regel auf detaillierte Mengenvorgaben und Abrechnungseinheiten. Stattdessen wird die Bauaufgabe oder Bauleistung primär in einer mehr oder minder ausführlichen Textform, ergänzt durch Planunterlagen, dargestellt. Diese Art der Ausschreibung wird vielfach auch als „funktionale Leistungsbeschreibung" bezeichnet.
4.1 Grundlagen nach § 7c VOB/A
Die Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB/A) regelt in § 7c die Anwendung der Leistungsbeschreibung mit Leistungsprogramm:
4.2 Der „Ausnahmefall" in der Praxis
Die Leistungsbeschreibung mit Leistungsprogramm wird in der baurechtlichen Literatur oft als „Ausnahmefall" betrachtet. Ingenstau/Korbion/Leupertz/v. Wietersheim merken an, dass es nicht ausreicht, wenn ein unschlüssiger Bauherr sich bloß zur Ermittlung der gestalterisch besten Lösung für eine Beschreibung nach Leistungsprogramm entscheidet. Bieter sind grundsätzlich nicht dazu da, dem Auftraggeber Planungsideen zu vermitteln, um die Kosten für einen bauplanenden Architekten oder Ingenieur einzusparen. Diese Auffassung gilt nicht zuletzt auch für Baubehörden.
4.3 Bestandteile einer Leistungsbeschreibung mit Leistungsprogramm
Die Struktur einer Leistungsbeschreibung mit Leistungsprogramm ist umfassend und gliedert sich in einen Vorspann, das eigentliche Leistungsprogramm und diverse Anlagen.
4.3.1 Der Vorspann
Der Vorspann enthält ähnliche Dokumente wie bei der Leistungsbeschreibung mit LV und bildet den formalen Rahmen für die Ausschreibung und den späteren Vertrag:
4.3.2 Das Leistungsprogramm
Das Herzstück ist das Leistungsprogramm selbst, das die funktionalen und qualitativen Anforderungen an das Bauvorhaben detailliert beschreibt:
4.3.3 Anlagen
Umfangreiche Anlagen ergänzen das Leistungsprogramm, um den Bietern eine vollständige Informationsgrundlage zu bieten:
4.4 Wichtige Aspekte für den Auftraggeber
Bei der Anwendung einer Leistungsbeschreibung mit Leistungsprogramm ist es für den Auftraggeber von entscheidender Bedeutung, folgende Punkte zu gewährleisten:
4.5 Methodik der Erstellung einer Leistungsbeschreibung mit Leistungsprogramm
Die Methodik zur Erstellung einer Leistungsbeschreibung mit Leistungsprogramm ist ebenfalls systematisch aufgebaut. Sie umfasst Schritte wie die Anlage der Baumaßnahme in AVA-Software, die Strukturierung der Vergabeunterlagen, das Hochladen von Vorspannformularen und ggf. Teilleistungen oder Leistungsbereichen. Wesentlich ist die Erstellung von Anlagen zum LV, das Treffen und Abstimmen von Festlegungen in Bauteilkatalog und Raumbuch mit dem Nutzer, sowie die Einarbeitung von Beiträgen anderer Planer. Nach Abschluss des Raumbuchs und Bauteilkatalogs werden die Vergabeunterlagen fertiggestellt, Mengen übertragen (falls teilweise Planung durch AG), Termine und Fristen übernommen und alle Dokumente für die elektronische Vergabe hochgeladen. Eine abschließende Prüfung auf Widersprüche und eine Abstimmung mit Nutzer/Bauherr sind unerlässlich, bevor die Unterlagen versendet oder zum Download freigeschaltet werden.
Um dem Bewerber einen vollständigen Eindruck der anzubietenden Planungs- und Bauleistung zu vermitteln, sind folgende Elemente owendig:
Fazit
Die Leistungsbeschreibung ist das Fundament jedes erfolgreichen Bauprojekts. Ihre sorgfältige und systematische Erstellung ist entscheidend, um Missverständnisse zu vermeiden, eine präzise Kalkulation zu ermöglichen und letztlich den Werkerfolg zu sichern. Ob eine detaillierte Leistungsbeschreibung mit Leistungsverzeichnis (LV) oder eine funktionale Leistungsbeschreibung mit Leistungsprogramm gewählt wird, hängt von der Komplexität des Projekts und den Zielen des Auftraggebers ab.
Die Leistungsbeschreibung mit LV ist der Regelfall und bietet durch die detaillierte Beschreibung von Teilleistungen und die Vorgabe klarer Mengen und Abrechnungseinheiten eine hohe Kalkulationssicherheit für die Bauunternehmen. Sie erfordert eine weit fortgeschrittene Planung seitens des Auftraggebers oder seiner Planer.
Die Leistungsbeschreibung mit Leistungsprogramm hingegen ist eher für komplexe Projekte geeignet, bei denen der Auftraggeber innovative Lösungen und die Expertise der Bieter bereits in der Entwurfsphase nutzen möchte, um die technisch, wirtschaftlich und gestalterisch beste Lösung zu finden. Sie verlagert einen größeren Teil der Planungsverantwortung auf den Auftragnehmer, erfordert aber vom Auftraggeber eine klare Definition der funktionalen Anforderungen und Bewertungskriterien, um vergleichbare Angebote zu gewährleisten.
Unabhängig von der gewählten Form ist die Einhaltung der in der VOB/A formulierten Grundsätze und eine methodische Vorgehensweise unerlässlich. Eine klare, verständliche und vollständige Leistungsbeschreibung, die sich an den "W-Fragen" orientiert und alle relevanten Bestandteile der Vergabeunterlagen berücksichtigt, ist der Schlüssel zu einer transparenten Ausschreibung und einer reibungslosen Projektabwicklung. Sie stellt sicher, dass alle Beteiligten den Leistungsumfang verstehen und die Gedankengänge des Ausschreibenden nachvollziehen können. Letztlich trägt eine qualitativ hochwertige Leistungsbeschreibung maßgeblich zur Minimierung von Nachträgen und Streitigkeiten bei und sichert den wirtschaftlichen Erfolg des Bauvorhabens.
